„Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“ (1. Könige 19,7)
Neuhaus am Rennweg gilt als eine der kleinsten Gemeinden unter den 62 Gemeinden im zu betreuenden Apostelbezirk. Vielleicht war das sogar ein Grund für den ersten Besuch: Wer neu im Amt ist, muss sich ja irgendwo „einfinden“ – und in einer kleinen Gemeinde kann man theoretisch alle persönlich begrüßen. Theorie, wohlgemerkt: An diesem Tag war die Kirche so voll, dass aus „klein“ ganz schnell „ganz schön groß“ wurde. Entschlafenengottesdienst und Apostel-Premiere – das war spürbar ein Festgottesdienst.
Apostel Mike Dietel führte den Gottesdienst entlang der Elia-Geschichte. Im Mittelpunkt stand nicht das Spektakuläre, sondern Gottes behutsame Art, erschöpfte Menschen wieder aufzurichten: Elia erlebt Gottes Macht, und doch kommt danach die Müdigkeit, das Alleinsein, das Gefühl: „Ich kann nicht mehr.“ Gerade dort setzt Gott an – nicht mit Druck, sondern mit Stärkung und Richtung.
Besonders eindrücklich war das Bild vom Bergsteiger: Im Rucksack ist alles Nötige – und genau dieses Gewicht kann im Absturz zum Problem werden. Der Retter sagt dann nicht: „Streng dich mehr an“, sondern: „Lass den Rucksack los – er zieht dich hinab.“ Die Hand ist ausgestreckt, Hilfe kommt von oben – aber zugreifen muss jeder selbst. So wurde greifbar, was das Leitwort sagt: Der Weg wird zu weit, wenn wir ihn allein und mit allem Ballast gehen.
Nach der Predigt wurde es sehr persönlich. Vorsteher Matthias Heinz sprach offen über eine Sorge, die in kleinen Gemeinden nicht selten leise mitläuft: „Können wir die Gemeinde halten?“ Und dann erzählte er von seinem Brief an den Apostel – eine schlichte Bitte, die mitten ins Herz traf: „Schick uns Kraft in die Gemeinde.“ Ob Apostel Mike Dietel gerade deshalb als erstes nach Neuhaus am Rennweg kam, bleibt Spekulation. Aber es passt so gut zum Evangelium, dass man es mit einem kleinen Lächeln stehen lassen darf: Gott beginnt manchmal nicht dort, wo es glänzt, sondern dort, wo jemand ehrlich sagt: Wir brauchen Kraft.
Der Apostel griff diese Gedanken auf und führte sie zum Heiligen Abendmahl: Hier dürfen wir den „Rucksack“ beim Vater abstellen. Und so menschlich es ist – oft nehmen wir ihn wieder mit. Doch Gottes Einladung steht immer neu: „Komm, nimm neue Kraft. Nimm neue Ausrüstung, damit du weiter bis zum Ziel gehen kannst.“
Im Entschlafenenteil wurde betont: Das Abendmahl für die Entschlafenen ist keine Symbolik, sondern Sakrament. Mit der Lesung des Apostels aus 1. Petrus 3,18–19 wurde der Blick in die Ewigkeit geöffnet – weit, tröstlich, hoffnungsvoll. Wir können beten und den Weg bereiten; entscheiden müssen die Seelen selbst.
Zum Schluss fiel ein Satz, der wie ein warmer Mantel über alle Zahlen und Sorgen gelegt wurde: „Du weißt nicht, wie viele wirklich im Gottesdienst sind.“ In einem Entschlafenengottesdienst bekommt das besonderes Gewicht: Die Gemeinde zählt nicht nur die sichtbaren Reihen – Gott zählt Herzen. Und genau so fühlte sich dieser Tag an: Kraft war da. Nähe war da. Und der Weg war – trotz allem – nicht zu weit.
Neuapostolische Kirche